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Ortho-Keratologie – Bessere Sicht über Nacht

Wie muss die Hornhaut beeinflusst werden, dass der Mensch eine scharfe Sicht erreichen kann? Der Gedanke, eine Fehlsichtigkeit durch eine gezielte Veränderung der Augenoberfläche zu erreichen, ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten haben sich Ortho-Keratologie Kontaktlinsen (Ortho-K-Linsen) bereits seit über 30 Jahren am Markt etabliert. Bei uns sind OK-Kontaktlinsen seit 2001 zugelassen und erhältlich. Mit der kontinuierlichen Verbesserung der Messtechnik und der Entwicklung neuer, extrem sauerstoffdurchlässiger Materialien sowie der gesteigerten Präzision der Schleiftechnik von Kontaktlinsen, ist es jedoch nicht verwunderlich, dass diese Linse auch in Europa angekommen ist.

Ortho-Keralogie Infografik aumedo

Was ist Ortho-Keratologie und wie funktioniert es?

Unter Ortho-Keratologie (griechisch: ortho: richtig, Kerato: Hornhaut) versteht man die Modellierung der Hornhaut mittels spezieller Kontaktlinsen. Ortho-K-Linsen bilden einen Tränenfilm zwischen der Linse und der Hornhaut, sodass bei geschlossenem Auge leichte hydrostatische Kräfte vom Zentrum zum Rand der Hornhaut wirken. Durch diese ist es möglich, eine Kurzsichtigkeit sowie Hornhautverkrümmung zu korrigieren. Beim Schlafen trägt der Anwender seine Kontaktlinsen, welche an vorher berechneten Stellen Druck- sowie Zugkräfte auf die Hornhaut ausüben. Dort findet dann eine Umverteilung von Zellen statt. Untersuchungen lassen vermuten, dass Zellen aus dem Zentrum der Hornhaut in den Randbereich abwandern. Im Zentrum wird die Hornhaut abgeflacht. Die peripheren Bereiche versteilen sich geringfügig, was respektive eine höhere Pluswirkung und somit eine stärkere Brechung der Randstrahlen bewirkt. Ortho-K-Linsen sind für alle Menschen geeignet, deren Kurzsichtigkeit -6.0 Dioptrien (dpt) und deren Astigmatismus -2.50 dpt nicht überschreitet. Nach der ersten Nacht ist die Fehlsichtigkeit bereits in der Regel um 50-70% reduziert. Am ersten Anpassungs-Termin werden die Kontaktlinsen zum Probetragen nur sehr kurz auf die Augen gesetzt, um den Sitz der Linsen sowie die Sehschärfe zu überprüfen und zu dokumentieren. Während der ersten Anpassungsphase muss in sehr kurzen Abständen der Sitz (in der ersten Woche jeweils morgens und abends), die Wirkung und das Handling der Linsen kontrolliert werden. Spätestens einen Monat nach Beginn der Anwendung ist die Sehkorrektur stabil.

Veränderung ist reversibel

Sollte der Wunsch bestehen, dass Linsentragen über Nacht wieder abzusetzen, ist dieses jeder Zeit möglich. Nach Ende der Nutzung dieser Linsen kehrt die Hornhaut in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Je nach Länge der Anwendung bzw. Dioptrienstärke und Hornhautdicke kann die Rückformung der Hornhaut einige Zeit in Anspruch nehmen (individuell rund 5-7 Tage aber z.T. auch bis zu 1 Monat). In dieser Zeit muss der Anwender damit rechnen, dass das unkorrigierte Sehen am Tag wieder sukzessiv schlechter wird. Um während der Übergangsphase ein gutes Sehen sicherzustellen, werden dem Kunden weiche Tageslinsen angepasst. Natürlich kann auch wieder die alte Brille zum Einsatz kommen. Dies gilt ebenso für den Zeitraum der Anpassung.

Welche Vorteile haben Ortho-K-Linsen?

Das Verfahren der Ortho-Keratologie und der Einsatz von Ortho-K-Linsen zeichnet sich durch folgende Vorteile aus:

  • Die Ortho-Keratologie ist bei richtiger Anpassung und Durchführung sehr sicher. Auch Kinder können bereits ortho-keratologische Kontaktlinsen tragen und von diesen profitieren.
  • In vielen verschiedenen und unabhängigen wissenschaftlichen Studien konnte zweifelsfrei festgestellt und belegt werden, dass die Anwendung von Ortho-Keratologie die Zunahme der Kurzsichtigkeit aufhalten kann. So wurde in der sogenannten „CANDY“-Studie festgestellt, dass die Kurzsichtigkeit mit Brille im Vergleichszeitraum um 0,37dpt anstieg, während bei den Ortho-K-Nutzern die Myopie nur um 0,03dpt zunahm.¹
  • Eine andere Studie der Universität Hongkong stellte fest, dass das Längenwachstum des Auges (gleichzusetzen mit der Zunahme der Myopie) nur halb so groß war, wie das der Kontrollgruppe mit Brille.² Dieser positive Effekt gilt natürlich auch für erwachsene Kunden, da eine Kurzsichtigkeit auch noch in späteren Jahren fortschreiten kann. Trotzdem ist es in solchen Fällen empfehlenswert, so früh wie möglich mit dieser Korrektionsmethode zu starten.
  • Im Gegensatz zur Laserchirurgie jedoch wird das Hornhautgewebe bei Ortho-K nicht eingeschnitten oder mittels Lasers verdampft – das Hornhautgewebe bleibt in seinem anatomischen Schichtaufbau unberührt. Da die Korrektion mit OK im Vergleich zu o.g. Verfahren nicht invasiv und somit auch jederzeit reversibel ist, können schädliche Auswirkungen auf das Auge oder Langzeitschäden bei richtiger Anwendung somit ausgeschlossen werden.
  • Tagsüber müssen die OK-Nutzer keine kontaktlinsen- oder brillenrelevanten Hilfsmittel verwenden. Vor allem für Menschen mit aktivem Lebensstil oder Sportler bietet sie somit einen Mehrwert.

Welche Nachteile haben Ortho-K-Linsen?

Einige okuläre Zustände gelten als Kontraindikationen für die Nutzung von Ortho-K-Linsen:

  • extrem trockene Augen aufgrund einer Krankheit
  • jegliche chronische Erkrankungen der Hornhaut
  • korneale Hyposensitivität
  • unregelmäßige Schlafrhythmen (Schlafstörungen),
  • extrem lange Wachphasen (24h-Dienste)
  • und/oder schlechte Compliance (Hygiene, Nicht-Einhaltung der Kontrollrhythmen)

Weitere Gründe für ein Nicht-Gelingen dieser Linsen können eventuelle optische Störphänomene wie z.B. Halos (Lichtscheine um Leuchtquellen), ein verringertes Kontrastsehen und eine erhöhte Blendempfindlichkeit sein, vor allem während des Dämmerungs- und Nachtsehen.

Was muss man bei der Anpassung beachten?

Vor der Anwendung muss der Kontaktlinsen-Spezialist in einer gründlichen Untersuchung die Gesundheit der Augen kontrollieren. Des Weiteren sollte beachtet werden, dass die Ausgangswerte der Augen unbelastet von jeglichen Einflüssen und reproduzierbar sind. Kontaktlinsenträger müssen dementsprechend vor der Anpassung von Ortho-K-Linsen auf ihre eigenen Kontaktlinsen verzichten und eine Tragepause einlegen. Die Länge der Pause richtet sich nach der Art und dem Sitz der vorher getragenen Kontaktlinsen sowie der Dauer, bis die Hornhaut keine Anzeichen von kontaktlinseninduzierten Veränderungen mehr aufweist. Weiterhin müssen unerfahrene Kontaktlinsen-Nutzer in das Ein- und Aussetzen der Linsen eingeführt werden. OK-Linsen können rund ein Jahr lang genutzt werden, danach sollten diese ausgetauscht werden. Ebenso sollten sie halbjährlich, spätestens vor der nächsten Nachbestellung kontrolliert werden. Wie auch bei allen anderen Kontaktlinsen sind eine strenge Reinigung und die richtige Handhabung elementar zur Erhaltung der Augen-Gesundheit.

Die Anpassung dieser Linsen geht anfänglich immer mit einer großen Menge an Informationen einher, die der zukünftige Anwender beachten muss, wenn dieser Ortho-K-Linsen erfolgreich nutzen möchte. In einem stressigen Berufs- oder Schulalltag sind der Aufwand der Anpassung, die Erläuterung der Handhabung, mögliche Sehverschlechterung zum Nachmittag hin sowie die engmaschigen Kontrolltermine am Beginn der Tragephase manchmal schwierig in den Alltag zu integrieren und einzuhalten.

Wer passt Ortho-K-Linsen an?

Die Anpassung dieser Kontaktlinsen-Methode sollte nur unter regelmäßiger fachlicher Beaufsichtigung erfolgen. Nicht jeder Augenoptiker kann und darf diese Linsen anpassen. Lediglich erfahrene Kontaktlinsenspezialisten, welche sich entsprechend ausbilden und zertifizieren lassen, dürfen Ortho-K-Linsen anbieten. Ohne Zertifizierung kann dieser keine Linsen bei den Herstellern beziehen. Hier wurde durch die Produzenten eine Absicherung zur Kontrolle der eigenen Verantwortung und der Kunden-Gesundheit vorgenommen. Zusätzlich benötigen Ortho-K-Linsen -Anpasser bestimmte Geräte zur detaillierten Vermessung des vorderen Augenabschnittes. Sind diese Voraussetzungen gegeben bzw. der Kontaktlinsen-Anpasser kommuniziert dies transparent, dann kann davon ausgegangen werden, dass dieser die Anpassung der Ortho-K-Linse beherrscht und verantwortungsvoll beraten sowie durchführen kann. Zusätzlich bieten folgende Internet-Seiten Interessierten eine einfache und unabhängige Suche nach zertifizierten Anpassern: www.klx.de und http://www.ok-info.org/

Quellen:
1. Wilcox, P. E., & Bartels, D. P. (2010). Orthokeratology for controlling myopia: Clinical experiences. Contact Lens Spectrum, 5, 39-42
2. Cho, P., Cheung, S. W., & Edwards, M. (2005). The longitudinal orthokeratology research in children (LORIC) in Hong Kong: a pilot study on refractive changes and myopic control. Current eye research, 30(1), 71-80
3. E. Santolaria u. a.: Subjective satisfaction in long-term Orthokeratology patients. In: Eye & Contact Lens. 39, Nov 2013, S. 388–393
4. M. J. Rah u. a.: Comparison of NEI RQL–42 scores in LASIK vs. CRT patients. In: Invest Ophthalmol Vis Sci. 45, 2004, E-Abstract 1578

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By | 2018-05-08T08:16:52+00:00 7. Mai 2018|
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