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Sehschule

Unter dem Begriff „Sehschule“ versteht man die Beurteilung sowie Behandlung von Sehstörungen unterschiedlicher Art und Weise. Der Begriff tauchte erstmals zwischen 1920 und 1930 auf und wurde durch die damalige Verbreitung des Augentrainings sowie die Entwicklung neuer Behandlungs- und Untersuchungsmethoden von Störungen des beidäugigen Sehens geprägt. Das Augentraining wurde erstmals vom Augenarzt William Bates ins Leben gerufen, der mittels diverser Methoden für sich beanspruchte, optische Brechungsfehler – darunter Weitsichtigkeit, Kurzsichtigkeit und Astigmatismus – durch gezieltes Training zu reduzieren oder gar zu beseitigen. Das Interesse an dieser Verfahrensweise führte zur Errichtung von Sehschulen, in denen man entsprechende Übungen durchführen ließ. Später wurde der Ansatz von der evidenzbasierten Medizin abgelehnt, weil ein definitiver wissenschaftlicher Nachweis trotz subjektiv empfundener Erfolge nicht erbracht wurde.

Sehschule im modernen Kontext

Trotz der betagten Begrifflichkeit ist „Sehschule“ die heutzutage geläufige Bezeichnung der augenheilkundlichen Abteilung von Augenarztpraxen oder Kliniken. In diesen Abteilungen verschreibt man sich sowohl der Diagnostik, als auch der Therapie von Augenmuskelgleichgewichtsstörungen. Darunter fallen Symptome wie Schielen, Nystagmus, fehlendes räumliches Sehen oder die sogenannte funktionale Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Fachbereiche wie die Neuroophthalmologie nutzen ebenfalls die therapeutischen und diagnostischen Kapazitäten von Sehschulen. Trotz der veränderten Methoden von Augenärzten hat sich der Ausdruck „Sehschule“ als Synonym für die Fachabteilung für Orthoptik, Pleoptik und Motilitätsstörungen etabliert.

Unterschiedliche Berufsbilder und Konzepte

In der augenheilkundlichen Fachabteilung der evidenzbasierten Medizin sind Augenärzte und Orthoptisten tätig, die über eine staatlich anerkannte Ausbildung verfügen. Diese unterliegt gesetzlichen Ausbildungsordnungen und Bestimmungen. Beim Augenarzt ist es das Medizinstudium. Bei der Berufsausbildung zum Orthoptisten wird ausschließlich an staatlich anerkannten Lehranstalten gelehrt. Eine solche Ausbildung dauert drei Jahre. Das Ergebnis ist ein vereinheitlichter Standard des Leistungsspektrums. Der Augenarzt untersucht das Auge und widmet sich allen Augenerkrankungen und deren jeweiligen Therapiemöglichkeiten. Der Orthoptist besitzt spezielle Kenntnisse über Augenbewegungen und visueller Wahrnehmung.
Krankheitsbilder, die von Orthoptisten in einer Sehschule untersucht und behandelt werden sind u.a. Schiel-Erkrankungen (wiederkehrende oder ständige Fehlstellungen eines Auges, Blickrichtungen beider Augen weichen voneinander ab). Augenarzt und Orthoptist haben somit verschiedene Aufgabenfelder, arbeiten aber stets eng zusammen. Zu den typischen Untersuchungen durch den Orthoptisten zählen Befragungen zu Beschwerden sowie Prüfungen des Sehvermögens in der Nähe und der Ferne. Des Weiteren prüft man das Kontrastsehen, den Beleuchtungsbedarf sowie das Farbensehen. Danach beurteilt der Orthoptist die Zusammenarbeit und Beweglichkeit beider Augen und schätzt eine mögliche Schielstellung ein. Dieser Schielwinkel wird gemessen und alle für eine Schieloperation notwendigen Voruntersuchungen durchgeführt.

Kinder im Säuglings- und Kleinkindalter werden zur Früherkennung von Sehstörungen vorbeugend untersucht. Sogenannte „Augentrainer“ oder „Sehtrainer“ findet man häufig im Zusammenhang mit diversen Verfahrensweisen des Augentrainings. Dieses Berufsbild kennt keinen staatlich anerkannten Ausbildungsweg und ist rechtlich nicht geschützt. Deshalb darf jeder eine Fortbildung zum „Augentrainer“ oder „Sehtrainer“ anbieten und durchführen. Hier fehlen unabhängige Kontrollen, denn die Inhalte und Dauer der Seminare sind nicht einheitlich geregelt.