Kann Wechselstrom bald verlorene Sehkraft wiederherstellen?

Der allmähliche Verlust der Sehkraft betrifft einen Großteil der Bevölkerung. Dementsprechend ist die Forschungstätigkeit in diesem Kontext sehr rege – bahnbrechende Innovationen standen zuletzt alle paar Jahre an, wovon aktuelle und künftige Generationen nachhaltig profitieren dürften. Auch die nachfolgende Entdeckung der Universität Magdeburg könnte eines Tages in diese Kategorie fallen: Wissenschaftler der Forschungseinrichtung haben festgestellt, dass die Behandlung mit (sehr schwachen) Stromstößen die neuronale Grundlage des Sehens „re-kalibrieren“ könnte.

Unsere Sehleistung ist bekanntlich das Resultat einer hochkomplexen neuronalen Informationsverarbeitung im Gehirn – die Verarbeitung wahrgenommener Bilder findet also nicht am Auge, sondern erst später statt. Konkret werden Bildinformationen in Form von elektrischen Signalen über den Sehnerv in einen bestimmten Teil des Gehirns weitergeleitet, wo letzten Endes die ganzheitliche visuelle Wahrnehmung erschaffen wird. Einschränkungen dieses Systems gelten in der Regel als irreversibel. Bei verschiedenen Sehbehinderungen ist die Synchronisation zwischen der eigentlichen, organischen Sehleistung sowie der Verarbeitungsleistung des Gehirns nachhaltig gestört. Mit Wechselstrom hat die Universität Magdeburg einen vergleichsweisen simplen Helfer identifiziert, der bei gezieltem Einsatz beide Stränge wieder gleichtakten könnte.

Die verantwortlichen Wissenschaftler führten klinische Studien durch, bei denen geringe Mengen Wechselstrom durch Elektroden an der Stirn sowie der Augenpartie verabreicht wurde. Probanden haben sich der schmerzfreien Prozedur 30 Minuten täglich ausgesetzt. Bereits nach zehn Tagen konnte eine veränderte Aktivität der Hirnnetzwerke im EEG nachgewiesen werden, heißt es im Fachjournal „Neurology“. Konkret wird dabei das Zusammenspiel der visuellen Cortex im Hinterhaupt des Gehirns mit der Frontalcortex im Stirnbereich revitalisiert. Je besser die Synchronisation dieser beiden Bereiche am Ende ausfällt, desto größer ist der resultierende Gewinn an Sehleistung.

Bis diese Erkenntnis in eine anerkannte Behandlungsmethode mündet, vergehen sicherlich noch Jahre. Dennoch ist sie schon heute ein beeindruckendes Beispiel dafür, wieviel Spielraum moderne Forschungsarbeit bei ursprünglich irreversiblen Indikationen haben kann.