High-Tech für Blinde: „Sehen“ mit der Zunge?

Trotz großer Fortschritte steht die moderne Augenheilkunde noch immer vor großen Herausforderungen: So nehmen beispielsweise Erkrankungen wie die Makuladegeneration aufgrund einer immer älter werdenden Gesellschaft stetig zu. Auch müssen sich blinde Menschen in den meisten Fällen mit ihrem Schicksal abfinden.

Langsam, aber sicher stößt die Medizin aber auch in den letzteren Bereich vor: Beispielsweise können schon heute Chips verpflanzt werden, die Blinden eine (sehr eingeschränkte) Nuancen-Wahrnehmung zurückgeben können. In eine ähnliche Richtung geht das Projekt „BrainPort“ des renommierten amerikanischen National Eye Institutes (NEI). Dahinter verbirgt sich eine Brille mit integrierter Kamera, die ihre Signale an ein drei Quadratzentimeter großes Plättchen auf der Zunge sendet. Richtig gelesen – die Zunge!

Diesem zunächst unkonventionell anmutenden Konzept liegt die Tatsache zugrunde, dass der Sinneseindruck im Gehirn entsteht. Wenn der Weg zwischen Augen und Gehirn beispielsweise aufgrund einer Erkrankung unterbrochen ist, müssen die Signale eben auf einem anderen Weg in die Schaltzentrale entsendet werden – so beispielsweise über die Zunge.

Konkret überträgt die Digitalkamera in der Brille elektrische Signale, die mit bis zu 600 Elektroden als Pixel (Bildpunkte) auf der Zunge abgebildet werden. Die Technik erinnert vom Grundkonzept her an die verbreitete Blindenschrift Braille, bei der Zeichen mit Hilfe von Fingerspitzen ertastet und somit ebenfalls über einen Alternativweg ins Gehirn gelangen.

Das Gerät, welches über 12 Jahre lang in Zusammenarbeit mit der Universität Madison in Wisconsin entwickelt wurde, kostet aktuell etwa 7.200 Euro. Der „BrainPort“ ist wohlgemerkt noch nicht marktreif. Der Hersteller hat jüngst grünes Licht von den zuständigen Kontrollbehörden in den USA bekommen, um ausführlichere Tests mit Betroffenen durchführen zu können.