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Epiphora – was tun, wenn die Augen ständig tränen?

Den griechischen Begriff Epiphora verwenden Augenärzte für das Tränenträufeln – ein Symptom, das sowohl bei Kindern als auch im fortgeschrittenen Alter auftreten kann. Zum Tränenträufeln kommt es, wenn Tränenproduktion und -abfluss im Missverhältnis zueinanderstehen. Die Ursachen hierfür können ganz verschieden sein. Anlässlich der Augenärztlichen Akademie Deutschland 2019 stellte Prof. Dr. med. K.H. Emmerich die neusten Therapieoptionen bei Epiphora vor. Mehr dazu im folgenden Artikel.

Die Bestandteile der Tränenflüssigkeit werden von der Tränendrüse und den Lidranddrüsen produziert – etwa 5 µl pro Minute sind die normale Menge. Mit jedem Lidschlag wird die Flüssigkeit aufs Neue über die Hornhaut verteilt. So entsteht der Tränenfilm. Er besteht aus einer Muzinschicht, die dafür sorgt, dass der Film auf der Hornhautoberfläche anliegt, einer wässrigen Schicht und an der Oberfläche einer Lipidschicht, die ein zu schnelles Verdunsten der Tränen verhindert. Wird das Auge gereizt – ein klassisches Beispiel ist das Schneiden von Zwiebeln – oder liegen emotionale Ereignisse vor, dann kann die Tränenproduktion vorübergehend ansteigen und man weint. Von Epiphora ist hingegen die Rede, wenn die Tränen dauerhaft aus dem Auge fließen, auch wenn kein besonderer Reiz vorliegt.

Epiphora: Mögliche Ursachen

Klagt ein Patient in der Augenarztpraxis über dieses Symptom, dann gilt es zunächst die Ursache herauszufinden. Wenn die Zusammensetzung des Tränenfilms gestört ist und die Lipidschicht nicht oder nur unzureichend gebildet wird, dann passiert es leicht, dass die Tränen aus dem Auge fließen. Dies ist – auch wenn es paradox erscheint – eine häufige Form des Trockenen Auges, auch bekannt als „trockenes, feuchtes Auge“. Mit speziellen Tränenersatzmitteln – wie Augentropfen oder Gelen – lässt es sich behandeln. Es kann jedoch auch sein, dass die Wege, über die die Tränen normalerweise abfließen, verengt oder verstopft sind (Stenose). Lidfehlstellungen können ein weiterer Grund des Problems sein.

Komplexes Abflusssystem

Für den Abfluss der Tränen aus dem Auge sorgt normalerweise ein komplexes System. Am inneren Augenwinkel befinden sich in den Unter- und den Oberlidern die Tränenpünktchen. Jedes Mal, wenn sich das Auge schließt, öffnet sich das Tränenpünktchen wie ein Fischmaul. Auf diese Weise wird etwas Flüssigkeit aus dem sogenannten Tränensee im Bereich des Unterlids angesaugt, die dann weiter durch die Tränenkanälchen, den Tränensack und den Tränen-Nasen-Gang abfließt. Die Tränenkanälchen und der Tränensack sind von einem spiralförmigen Muskelgeflecht umgeben, das sich beim Lidschluss zusammenzieht und die Flüssigkeit in Richtung Nase befördert. Dieses ableitende System nennt man Tränenpumpe. Im Verlauf der Tränenwege gibt mehrere Winkel und Verengungen – hier kann es, beispielsweise bei einer Entzündung, leicht zu einer teilweisen oder vollständigen Stenose kommen.

Abflusssystem der Tränen© Henri / Fotolia

Untersuchungsmethoden

Augenärzte untersuchen zunächst die Lidstellung, die Tränenpünktchen und die vorderen Augenabschnitte, wenn Patienten über Epiphora klagen. Ergibt sich der Verdacht, dass die Tränenwege verengt oder verstopft sind, dann erfolgen unter lokaler Betäubung eine Sondierung und eine Spülung mit einer stumpfen, feinen Sonde. Mit Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen kann die Größe des Tränensacks ausgemessen werden. Seit Mitte der 1990er Jahre besteht die Möglichkeit, die Tränenwege mit einem Endoskop von innen zu untersuchen. Für die Endoskopie der Tränenwege ist eine Vollnarkose des Patienten notwendig. Dieses Verfahren hat das Wissen über die Erkrankungen der Tränenwege und die Behandlungsmöglichkeiten grundlegend verändert und erweitert.

Tränenwegsstenosen bei Kindern

Relativ häufig sind Säuglinge von Tränenwegsstenosen betroffen. Etwa fünf Prozent aller Neugeborenen leiden darunter, dass die Tränenwege ein- oder beidseitig blockiert sind. Die Ursache dafür liegt in der embryonalen Entwicklung. Beim Ungeborenen verschließt eine feine Membran den Tränen-Nasen-Gang zur Nase hin. Bei etwa der Hälfte neugeborener Kinder ist diese Membran unmittelbar nach der Geburt noch vorhanden. In den ersten Lebenswochen öffnet sich der Tränen-Nasen-Gang meist. Geschieht das nicht, kommt es mit Beginn der Tränenproduktion in der zweiten bis dritten Lebenswoche zu vermehrtem Tränenfluss, die Augenlider und Wimpern sind häufig verklebt und es kann zusätzlich noch zu einer Infektion mit Bakterien kommen.

Die Behandlung dieser Kinder erfolgt zunächst konservativ: Reinigung, eine sanfte Massage des Tränensacks, abschwellende Augen- und Nasentropfen sowie, falls nötig, antibakterielle Augentropfen genügen häufig schon, um die Beschwerden zu beseitigen. Bleiben die Tränenwege verschlossen, dann sollte im Alter von vier bis sechs Monaten eine Sondierung und Spülung der Tränenwege erfolgen, die unter lokaler Betäubung durchgeführt wird. Bei der Spülung wird der Druck sanft erhöht, so dass die Membran gesprengt und der Tränen-Nasen-Gang geöffnet wird. Nur in seltenen Fällen kommt es zu einem Rezidiv – einem erneuten Verschluss der Tränenwege. Dann wird ab dem zehnten Lebensmonat unter Vollnarkose eine Sondierung und Spülung mit anschließender Intubation mit einem 0,64 mm dicken Silikonschlauch vorgenommen.

Operative Verfahren bei Epiphora

Stenosen der Tränenwege kommen nicht nur bei Kleinkindern vor, sie können in jedem Lebensalter auftreten. Verschiedene Operationstechniken stehen zur Verfügung, um die verschlossenen Stellen wieder zu öffnen. Dank des Einsatzes von Mikroendoskopen erfolgen die Eingriffe häufig minimalinvasiv, ohne dass ein Schnitt von außen notwendig wäre, beispielsweise mit einer Laserdacryoplastik. Punktförmige Stenosen im Bereich der Tränenkanälchen und des Tränensacks können mithilfe eines Lasers eröffnet werden. Dieser Eingriff erfolgt unter endoskopischer Kontrolle, dabei werden die Tränenwege kontinuierlich gespült, bis kein Widerstand mehr zu spüren ist. Die Erfolgsraten dieses Verfahrens liegen bei Untersuchungen ein Jahr nach dem Eingriff bei etwa 80 Prozent. Ein anderes Verfahren ist die Mikrodrilldacryo­plastik. Dafür wird eine Bohrsonde mit einem Durchmesser von nur 0,3 mm in den Arbeitskanal des Endoskops eingebracht. Mit dieser Sonde lassen sich Stenosen eröffnen, feine Polypen entfernen und auch Tränensacksteine zerteilen. Auch dieses Verfahren verzeichnet Erfolgsraten von etwa 80 Prozent.

Diese minimalinvasiven Verfahren sind allerdings nicht geeignet, wenn eine akute Entzündung des Tränensacks (Dakryozystitis) vorliegt oder wenn sich im Tränensack eine Schleimansammlung bildet und er dadurch erweitert wurde. Auch nach Verletzungen mit Knochenbrüchen im Bereich des Gesichts, mit Abrissen der Tränenwege oder bei Verätzungen sind größere operative Eingriffe notwendig. Je nach Ausmaß der Veränderungen kann sogar eine Bypass-Opera­tion notwendig werden, mit der eine Verbindung vom inneren Lidwinkel zur Nase oder zum Tränensack hergestellt wird.

Lidchirurgie

Vor allem bei älteren Menschen ist häufig ein sogenanntes Ektropium oder Entropium zu beobachten. Das Unterlid erschlafft, es liegt nicht mehr an der Augenoberfläche an, sondern kippt beim Ektropium nach außen. Dies hat auch Auswirkungen auf die Tränenpumpe – das Tränenpünktchen kann nicht mehr beim Lidschluss in den Tränensee eintauchen. Mit einem chirurgischen Eingriff am Unterlid, bei dem die entsprechenden Strukturen gestrafft werden, lässt sich Abhilfe schaffen.

Fazit

Die Ursachen ständig tränender Augen (Epiphora) können ganz verschieden sein. Wenn eine mechanische Abflussstörung im Bereich der ableitenden Tränenwege die Ursache ist, dann bietet die moderne Mikroendoskopie heute hervorragende Möglichkeiten, ganz genau zu erkennen, wo die Verstopfung liegt und wie ihr beizukommen ist. Dieses Verfahren hat das Wissen über die Erkrankungen und die Behandlungsmöglichkeiten grundlegend verändert und erweitert.

Quelle:
Prof. Dr. med. Karl Heinz Emmerich
Augenklinik am Klinikum Darmstadt
E-Mail: augenklinik@mail.klinikum-darmstadt.de

Von |2019-03-18T11:02:26+02:0018. März 2019|
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