Diabetes und die Gefahr für Ihr Auge

Einer der häufigsten Gründe für eine Erblindung innerhalb der Industrienationen ist eine Erkrankung der Makula. Die diabetische Retinopathie mit einem Anteil von ca. 20% macht hierbei einen erheblichen Anteil aus. 99% aller Patienten mit insulinabhängigen Diabetes mellitus (Typ-I) und 60% mit nicht insulinabhängigen Diabetes (Typ-II) entwickeln nach 20 Jahren eine diabetische Retinopathie (DR).

Risiko Diabetische Retinopathie

Die diabetische Retinopathie (DR) gehört somit zu den Hauptursachen für Erblindungen in westlichen Industrieländern im Alter von 20–74 Jahren. Die Erblindungsrate beträgt bei den unter 65-Jährigen ca. 8%. Bei den 65–74-Jährigen liegt diese Rate sogar bei 14,5%. Innerhalb Deutschlands wird die Zahl der Erkrankten auf 6–7 Mio. geschätzt. Pro Jahr kommen bei uns weitere 300.000 Neuerkrankungen dazu. Weltweit wird die Zahl nicht-diagnostizierter Diabetiker auf über 185,5 Mio. geschätzt. Rund 6000 Erblindungen in Deutschland jährlich können auf diabetische Veränderungen am Auge zurückgeführt werden. Etwa ein Drittel dieser Erblindungen ließen sich mit rascher Früherkennung bzw. medizinischer Versorgung vermeiden.

Einführung Diabetes mellitus

Diabetes ist eine Erkrankung innerhalb der Stoffwechsellage des menschlichen Körpers. Dabei besteht ein Mangel des in der Bauchspeicheldrüse produzierten Hormons Insulin. Dieses ist in ausreichender Menge für die Aufnahme des Blutzuckers (Glukose) in den Körperzellen sowie für die Speicherung in Form von Glykogen in der Leber essentiell. Besteht ein Mangel an Insulin, kann nicht ausreichend Glukose in die Zellen gelangen. Infolgedessen kommt es zu einem Glukoseanstieg innerhalb des Blutes (Hyperglykämie). Dies führt vermehrt zu Zell- und Gewebeschäden, erhöhter Gefäßpermeabilität und schnellerer Alterung der Blutgefäße. In Folge der Glykation kann es bei Neuronen zum Abbau von Myelin und zu Neuropathien kommen. Ein Niveau des Blutzuckerspiegel höher als der Grenzwert von 6–7 mmol/l (entspricht 120 mg/dl) steht für eine diabetische Stoffwechsellage.

Formen des Diabetes Mellitus:

Diabetes kann grob in zwei Varianten aufgeteilt werden:

Typ-I-Diabetes
Die Häufigkeit bezogen auf alle Diabeteserkrankungen in Deutschland beträgt zwischen 5–10%. Der Typ-I-Diabetes wird auch als “Jugendlicher Diabetes” bezeichnet, da dieser auch bereits bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Es besteht ein absoluter Insulinmangel, welcher nur durch tägliche Spritzengabe von Insulin ausgeglichen werden kann. Die Ursache ist auf eine Autoimmunreaktion zurückzuführen, bei der das körpereigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen (Langerhans-Zellen) der Bauchspeicheldrüse zerstören. Weiterhin besteht bei Typ-I eine genetische Disposition. Zu diesen Faktoren muss jedoch eine zusätzliche Viren-Infektion stattgefunden haben, welche die Immunreaktion der o.g. Anlagen auslöst. Die dabei entstehenden Inselzell-Antikörper greifen die Langerhans-Zellen an und führen zu dessen Zerstörung. Sind mindestens 80% der Inselzellen zerstört, manifestiert sich erst der Typ-I-Diabetes. So können zwischen Krankheitsbeginn und den ersten Symptomen größere Zeitabstände bestehen.

Typ-II-Diabetes
Die Häufigkeit bezogen auf alle Diabeteserkrankungen in Deutschland beträgt zwischen 90–95%. Umgangssprachlich wird der Typ-II-Diabetes auch “Altersdiabetes” bezeichnet, obwohl auch immer mehr Menschen im mittleren Lebensalter an ihm erkranken. Häufig ist die Diagnose von diesem Typ ein Zufallsbefund, da er oft ohne auffällige Symptome beginnt. Dieser Diabetes-Typ ist durch einen relativen Insulinmangel gekennzeichnet. Es besteht ein gestiegener Insulinbedarf bzw. eine höhere Insulinresistenz bestimmter Zielgeweben. Zunächst kommt es zu einer vermehrten Insulinproduktion und anschließend zur Erschöpfung der Langerhans-Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die bestehende Insulinresistenz kann erworben oder angeboren sein, wobei Übergewichtigkeit als einer der wichtigsten Risikofaktoren für den Typ-II-Diabetes angesehen wird. Häufig reicht es für diese Patienten aus, ihren Lebensstil auf die Gegebenheiten anzupassen, d.h. gesündere Ernährung, mehr körperliche Aktivität, weniger Stress, kein Rauchen/Alkohol sowie Abbau von Übergewicht.

Auswirkungen des Diabetes Mellitus

Der Diabetes mellitus hat vielfältige Auswirkungen auf den Menschen. Symptome sind bspw. Niereninsuffizienz, “Diabetischer Fuß”, starker Durst, vermehrter Harndrang, Gewichtsverlust sowie Augenerkrankungen. Aufgrund verstärkter Bildung von Plaques durch die Glukose in den Blutgefäßen, besteht zusätzlich ein erhöhtes Risiko von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Arteriosklerosen.
Als Therapie wird auf die Verbesserung der HbA1c-Werte gezielt.

Dies kann in drei Phasen geschehen:

– Phase 1: Aufklärung, diätbewusste Ernährung und Bewegung
– Phase 2: Behandlung mittels Tabletten
– Phase 3: Insulintherapie

Diabetische Retinopathie

Diabetes kann z.T. zu schwerwiegenden multipathologischen Komplikationen an allen Augenstrukturen führen. Die zwei entscheidenden Sehschärfe(Visus-)reduzierenden Erkrankungsformen am Auge sind die proliferative DR und die diabetische Makulopathie (DM). Dabei ist die Makulopathie vorwiegend durch Veränderungen im zentralen Bereich der Netzhaut gekennzeichnet, während diese bei der DR am gesamten Fundus (Augenhintergrund) auftreten. Durch den Insulinmangel wird eine Mikroangiopathie (pathologische Veränderungen der kleinen blutführenden Gefäße) der Netzhaut hervorgerufen. Hierbei können bspw. folgende klinische Manifestationen festgestellt werden: Mikroaneurysmen, fleckförmige bis hin zu großflächigen intraretinalen Blutungen, harte Exsudate, Cotton-Wool-Herde, Arteriolen- und Kapillarverschlüsse oder intra- und präretinale Gefäßneubildungen (Proliferation).

Diabetes Auswirkung beim Auge

Durch vor der Netzhaut liegenden bindegewebsartigen Glaskörpersträngen kommt es gelegentlich zu ausgedehnten Glaskörperblutungen sowie zu Netzhautablösungen (Traktionsamotiones). Ein Sauerstoffmangel (Hypoxie) innerhalb der Gefäße führt zur Bildung von “vascular endothelial Growth Factor” (VEGF). Dieses Molekül steuert die Proliferation kleiner und brüchiger Gefäße. Histologisch lässt sich bereits früh eine Verdickung der kapillären Basalmembran finden (Arteriosklerose). Veränderungen an der Aufbaustruktur der Blutgefäße führen zum Zusammenbruch der inneren Blut-Retina-Schranke und damit zu einer Konzentration von Flüssigkeit und eventuell Makromolekülen aus dem Blutserum im interzellulären Raum der Netzhaut.

Klinisch wird die DR eingeteilt in nicht-proliferative (NPDR) und proliferative diabetische Retinopathie (PDR) (Abb. 1). Die Stadien der NPDR sind charakterisiert durch das Auftreten von Mikroaneurysmen, Blutungen, harten Exsudaten, Cotton-wool-Herden, IRMAs und venösen Kaliberschwankungen. Im Stadium der PDR entstehen präretinale Neovakularisation, Glaskörperblutungen, Rubeosis iridis, sekundäres Winkelblockglaukom, Iridopathia diabetica, hyaline Wandverdickung der Arteriolen, Cataracta diabetica und diabetische Optikusatrophie. Makulaödeme können in jedem Stadium der
diabetischen Retinopathie auftreten. Zur Diagnosestellung ist die funduskopische Untersuchung in Mydriasis der entscheidende Gold-Standard.

Abb. 1Stadien einer diabetischen Retinopathie und Makulopathie
Abb.1: Übersicht der verschiedenen Stadien einer diabetischen Retinopathie und Makulopathie: a: moderate NPDR mit Mikroaneurysmen, Fleckblutungen und Lipidexsudaten, b: schwere NPDR mit Lipidexsudaten, IRMAs, zahlreichen Blutungen und einem Makulaödem (Pfeil: Cotton-Wool-Herd), c: PDR mit neugebildeten Gefäßen (Pfeile: präretinale Bindegewebsstränge dringen in den Glaskörper ein), d: Diabetische Makulopathie (Pfeile: harte Exsudate umschreiben großflächiges Makulaödem).

Zusammenfassung

Diabetes mellitus ist eine „Volkskrankheit“ mit bereits jetzt epidemischen Charakter. Eine der weitreichendsten Folgen für den Patienten ist die Beteiligung der Augen. Die diabetische Retinopathie kann hierbei als mindestens genauso lebens-einschränkend wahrgenommen werden, wie die Diabetes-Erkrankung selbst. Ein frühzeitiges Erkennen der diabetischen Retinopathie, sowohl bei bereits diagnostizierter aber vor allem bei unbekanntem Diabetes ist für den Erfolg einer medizinischen Behandlung enorm wichtig. Denn eine diabetische Sehverschlechterung wird erst in einem fortgeschrittenen Stadium vom Patienten selbst wahrgenommen.

In Teil 2, der am 02.11.2017 hier veröffentlicht wird, möchte der Autor moderne Früherkennungs– bzw. Untersuchungstechniken aufzeigen sowie grundlegend erläutern.

Infografik - Diabetische Retinopathie

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